Athanasius Werke | Arbeitsstelle Erlangen

Dok. 19

Dok. 19: Brief des Kaisers Konstantin an Alexander von Alexandrien und Arius (Urk. 17)

Der Sieger Konstantin, der Große, der Augustus, an Alexander und Arius!

1 Den Gott des Alls, den Helfer bei meinen Unternehmungen, den Erlöser, mache ich zu meinem Zeugen dafür, daß ich mir zwei Dinge vorgenommen habe, weswegen ich tatsächlich das Amt übernommen hatte. Zuerst wollte ich nämlich die religiöse Gesinnung aller Völkern zu einer einheitlichen Gestalt vereinen, zweitens aber den Leib der gemeinsam bewohnten Welt, die wie an einer schweren Wunde litt, wiederbeleben und vereinen. Da ich mir dies vorgenommen hatte, plante ich das eine mit dem unaussprechlichen Auge des Geistes, das andere aber versuchte ich mit der Macht des bewaffneten Armes durchzusetzen, da ich wußte, wenn ich unter allen Gottesdienern zu meinen eigenen Gebeten eine gemeinsame Gesinnung aufrichte, daß dann auch der Dienst an den öffentlichen Angelegenheiten, begleitet durch die frommen Einstellungen aller, eine Erneuerung gewinnen wird.

2 Als nämlich ein unerträglicher Wahnsinn wahrlich ganz Afrika ergriffen hatte, weil es einige gewagt hatten, die Religion der Völker in unbekümmertem Leichtsinn in verschiedene Häresien aufzuspalten, wollte ich diese Krankheit beruhigen, fand aber heraus, daß keine andere Therapie in dieser Sache hilft, außer daß ich einige von euch hinschicke, daß sie bei der Vermittlung zwischen den miteinander Streitenden helfen, nachdem ich ja den gemeinsamen Feind der bewohnten Welt, der euren heiligen Versammlungen seinen eigenen gesetzlosen Willen entgegensetzte, verjagt habe.

3 Da nämlich die Kraft des Lichtes und das Gesetz der heiligen Religion durch die Wohltat des Höchsten gleichsam aus dem Schoß des Ostens ausgeteilt worden und zugleich die ganze bewohnte Welt von einem heiligen Leuchter erhellt war, bemühte ich mich, euch mit einem Wink der Seele und der Kraft der Augen zu suchen, weil ich glaubte, daß ihr gleichsam Führer zur Erlösung der Völker seid. Gleich bei dem großen Sieg also und dem wahren Triumph über die Feinde beeilte ich mich, dies als erstes anzustreben, denn es schien mit das Dringlichste und Ehrenvollste von allen zu sein.

4 Oh, edelste und göttliche Vorsehung, welch gefährliche Verwundung trifft mein Gehör, mehr aber noch mein Herz! Sie zeigte, daß unter euch ein viel schwererer Streit entstanden war als dort hinterlassen, und daß ihr, von denen ich hoffte, Heilung für die anderen zu bekommen, eurerseits noch weitaus dringender selbst Heilung braucht. Als ich mir aber Gedanken über den Anlaß und das Thema dieser Auseinandersetzungen machte, da zeigte sich der Grund als doch sehr geringfügig und keineswegs ausreichend für einen derartigen Streit. Daher sehe ich mich zu diesem Brief gezwungen und wende mich, nachdem ich die göttliche Vorsehung als Helfer in dieser Sache angerufen habe, an euren einmütigen Scharfsinn, und stelle mich zu Recht gleichsam als Friedensrichter mitten in den Streit, den ihr miteinander ausfechtet.

5 Denn mit der Hilfe des Höchsten dürfte es mir, falls es auch irgendeinen gewichtigen Anlaß für einen Streit gäbe, wohl nicht schwer fallen, indem ich ein Wort an die frommen Überzeugungen der Hörer richte, jeden zum Besseren zu wenden, in diesem Fall aber, wo der Anlaß winzig und sehr unbedeutend ist, der dem Ganzen im Weg steht, wird man gewiß einfacher und viel leichter eine Klärung in dieser Angelegenheit erreichen.

6 Ich habe also in Erfahrung gebracht, daß der Ausbruch des gegenwärtigen Streites folgendermaßen geschah: Du, Alexander, hast bei den Presbytern nachgefragt, was jeder von ihnen denn von irgendeiner Stelle in dem geschriebenen Gesetz, vielmehr von einem unwichtigen Aspekt irgendeiner Frage hielte. Und du, Arius, hast voreilig etwas erwidert, was du entweder von Anfang an nicht hättest denken dürfen oder zumindest sofort mit Schweigen hättest übergehen müssen. Dadurch wurde bei euch das Zerwürfnis geweckt und die Gemeinschaft verleugnet, das geheiligte Volk aber in zwei Teile zerrissen und aus der Verbindung mit dem gemeinsamen Leib gezerrt.

7 Daher sollte jeder von euch gleichermaßen eine Entschuldigung anbieten und das akzeptieren, was euer Mitdiener euch zu Recht ans Herz legt. Was aber meine ich damit? Es wäre von Anfang an angebracht gewesen, zu diesen Themen weder Fragen zu stellen noch auch auf Fragen zu antworten.

8 Denn derartige Fragen, für die keine gesetzliche Verpflichtung besteht, sondern die aus nutzloser Faulheit die Streitsucht stellt, müssen wir, auch wenn sie im Rahmen philosophischer Übungen vorkommen, im Verstand einschließen und nicht leichtfertig in öffentliche Versammlungen einbringen oder gar leichtsinnigerweise den Ohren des Volkes anvertrauen. Denn wer ist schon in der Lage, die Macht so großer und sehr schwerer Themen genau zu durchschauen oder angemessen zu interpretieren? Und wenn auch jemandem zugetraut wird, daß er das ohne weiteres könne, welchen Teil des Volkes wird er überzeugen? Oder wer kann derartig komplizierte Fragen behandeln, ohne auf gefährliches Terrain zu geraten? In solchen Fragen ist also die Geschwätzigkeit zurückzuhalten, da entweder wir aufgrund unserer schwachen Natur das vorgelegte Thema nicht interpretieren können oder da die Zuhörer aufgrund ihres schwerfälligeren Fassungsvermögens nicht in der Lage sind, zu einem genauen Verständnis des Gesagten durchzudringen, damit das Volk sich nicht aus beiden Gründen zwangsweise spaltet oder verlästert.

9 Daher sollen die gedankenlose Frage und die verantwortungslose Antwort für einander gleiches gegenseitiges Verständnis aufbringen. Denn der Anlaß für diesen Streit hat sich weder an einer zentralen Stelle der Ermahnungen an uns im Gesetz entzündet, noch wurde uns wegen der Gottesverehrung irgendeine neue Häresie untergeschoben, sondern ihr habt ein und dieselbe Ansicht, so daß ihr zu einer gemeinsamen Übereinkunft zusammenkommen könntet. Denn man sollte doch meinen, daß es weder angemessen noch überhaupt rechtens ist, das so große Volk Gottes, welches unter euren Gebeten und Einsichten gedeihen sollte, zu entzweien, nur weil ihr euch untereinander über kleine und so geringfügige Fragen zerstreitet.

10 Um aber eure Vernunft durch ein kleines Beispiel zu erinnern, denkt doch bitte auch an die Philosophen, wie sie alle in einer Lehre verbunden sind, oft aber auch, wenn sie sich auch in irgendeinem Teilbereich ihrer Aussagen unterscheiden und sich wegen der Gelehrsamkeit trennen, dennoch aber wieder wegen der Einheit der Lehre zusammenfinden. Wenn dies aber so ist, müssen dann nicht erst recht wir, die wir als Diener des großen Gottes eingesetzt wurden, in der Frage nach der Gottesverehrung einmütig sein? Laßt uns aber mit besserem Wissen und größerer Einsicht das Gesagte betrachten, ob es richtig ist, wenn wegen einer winzigen und nebensächlichen Äußerung bei euch Brüder gegen Brüder vorgehen und das hohe Gut der Gemeinschaft aufgrund gottloser Streitereien durch euch, die ihr untereinander über so kleine und keineswegs notwendige Themen streitet, auseinandergerissen wird. Dies paßt doch wohl besser zu unvernünftigen Kindern, als daß es zur Einsicht heiliger und vernünftiger Männer gehört.

11 Laßt uns doch freiwillig von der teuflischen Versuchung Abstand nehmen! Unser großer Gott, der Erlöser aller, hat den Lichtschein auf alle gemeinsam gerichtet. Laßt mich durch seine Vorsehung mein Bemühen um die Verehrung des Höchsten zu Ende führen, damit ich dessen Völker bei euch durch meine Worte, Dienste und Ermahnungen zu einem gemeinschaftlichen Zusammenleben führe.

12 Denn da, wie ich sagte, unter euch ein Glaube und eine Meinung über die religiöse Richtung ist, und da die Vorschrift des Gesetzes durch seine zwei Teile das Ganze zu einer Entscheidung der Seele zusammenfügt, deswegen darf dies, was unter euch einen kleinen Streit verursacht hat, da es sich doch nicht auf die Macht des ganzen Gesetzes bezieht, keineswegs irgendeine Spaltung oder Unruhe bei euch verursachen.

13 Ich sage dies nicht, um euch zu zwingen, in einer so lächerlichen Frage, wie auch immer sie lauten mag, übereinzustimmen. Es ist nämlich möglich, das hohe Gut der Gemeinschaft reinlich unter euch zu bewahren und die Gemeinsamkeiten in allen Dingen zu erhalten, auch wenn bei euch untereinander irgendeine Meinungsverschiedenheit über nebensächliche Fragen, meistens nur in einem Teilbereich, entsteht, da nie alle in allen Dingen dasselbe wollen und auch nie eine Natur oder eine Meinung bei uns vorherrscht.

14 Über die göttliche Vorsehung sollte es also bei euch einen Glauben, ein Verständnis, eine Übereinkunft über den Höchsten geben, was ihr aber über diese ganz nebensächlichen Fragen untereinander für Haarspaltereien veranstaltet, das muß, auch wenn ihr nicht zu einer Meinung zusammenfindet, im Geiste bleiben, bewahrt in unaussprechlichen Gedanken. Das Besondere der gemeinsamen Freundschaft jedoch und der Glaube an die Wahrheit und die Ehrfurcht vor Gott und der Verehrung des Gesetzes soll bei euch unerschütterlich bleiben. Kehrt zurück zur Freundschaft und Liebe untereinander, erstattet dem Volk überall die vertrauten Umarmungen zurück, und nachdem ihr gleichsam eure Seelen gereinigt habt, erkennt einander wieder an. Oft ist nämlich die Freundschaft noch herzlicher, gerade wenn sie nach der Aufhebung der Feindschaft zur Versöhnung zurückkehrt.

15 Gebt mir also die ruhigen Tage und die sorgenfreien Nächte wieder zurück, damit auch mir die Lust an dem reinen Licht und die Freude an einem ruhigen Leben bewahrt bleibt. Sonst muß ich unweigerlich seufzen und bitterlich weinen und mein ganzes Leben lang nicht mehr in Ruhe leben. Denn wenn die Völker Gottes, ich meine meine Mitdiener, durch so ungerechte und schädliche Streitsucht untereinander zerrüttet sind, wie ist es mir da möglich, weiterhin die Vernunft zu bewahren? Damit ihr aber das Ausmaß meiner Trauer darüber erkennt: Als ich vor kurzem in Nikomedien war, wollte ich spontan in den Osten reisen. Als es mich schon zu euch zog und ich schon teilweise bei euch war, da warf die Nachricht über diese Angelegenheit den Entschluß wieder um, damit meine Augen nicht gezwungen wurden, das zu sehen, was ich nicht einmal den Ohren zumuten wollte. Öffnet mir doch wieder durch Eintracht bei euch den Weg in den Osten, den ihr mit eurer Streitsucht untereinander versperrt habt, und erlaubt mir die Freude, euch bald wieder zusammen mit allen anderen Völkern zu sehen und dem Höchsten mit den richtigen Formulierungen von Gebeten gebührend zu danken für die gemeinsame Eintracht aller und die Freiheit.

Zuletzt geändert: 2015-04-07 Di 18:07 von annette.von.stockhausen@fau.de

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