Athanasius Werke | Arbeitsstelle Erlangen

Dok. 17

Dok. 17: Brief des Alexander von Alexandrien an Alexander von Byzanz (Urk. 14)

Den hochverehrten und gleichgesinnten Bruder Alexander grüßt Alexander im Herrn!

1 Das herrschsüchtige und habgierige Ansinnen schlechter Menschen, die unter vielerlei derartigen Vorwänden die kirchliche Frömmigkeit angreifen, trachtet von Natur aus stets nach Diözesen, die größer zu sein scheinen. Angestachelt nämlich von dem in ihnen wirksamen Teufel legen sie alle Frömmigkeit ab, wenden sich zu dem vor ihnen liegenden Vergnügen und treten dabei die Furcht vor dem Gericht Gottes mit Füßen.

2 Überdies sehe ich mich, der ich darunter zu leiden habe, gezwungen, eure Frömmigkeit zu informieren, damit ihr euch vor derartigen Leuten in Acht nehmt, auf daß nicht irgendjemand von ihnen es wagt, auch in euer Gebiet einzudringen, entweder persönlich (denn die Zauberer sind in der Lage, bis hin zum Betrug zu heucheln) oder durch lügnerisch herausgeputzte Briefe, durch die sie den vereinnahmen vermögen, der sie mit einfachem und arglosem Glauben annimmt.

3 Arius und Achilleus nämlich, seit kurzem zusammengerottet, haben herrschsüchtig wie Colluthus gehandelt und dabei noch viel schlimmer als jener gewütet. Jener beschwerte sich nämlich über gerade diese und nahm sie als Vorwand für seine eigene verwerfliche Absicht; diese aber sahen sich, als sie dessen Handel mit Christus bemerkten, außerstande, der Kirche noch länger gehorsam zu bleiben, sondern bauten sich Räuberhöhlen, veranstalteten unablässig Versammlungen in ihnen und studierten Tag und Nacht Verleumdungen gegen Christus und gegen uns ein.

4 Indem sie die ganze gottesfürchtige apostolische Lehre verklagten, suchten sie sich nach jüdischer Art eine christusbekämpfende Rotte zusammen, verleugneten die Gottheit unseres Erlösers und verkündeten, er sei allen anderen gleich, und indem sie alle Aussagen über seine heilsame Menschwerdung und für uns veranstaltete Erniedrigung auswählen, versuchen sie daraus ihre gottlose Verkündigung zusammenzustellen, während sie die Worte über seine anfängliche Gottheit und seine unaussprechliche Herrlichkeit beim Vater beiseiteschieben.

5 So verhelfen sie also der gottlosen Meinung der Heiden und Juden über Christus zur Macht und rennen soviel wie möglich dem Lob von diesen Leuten hinterher, indem sie nämlich alles genau so veranstalten, wie es bei jenen an uns verspottet wird, und ferner täglich Aufstände und Verfolgungen gegen uns anzetteln, außerdem Gerichtsversammlungen zusammentrommeln aufgrund von Anträgen zuchtloser Frauen, die sie getäuscht haben, und auch noch das Christentum verspotten, da die sie umgebenden jungen Frauen ohne Anstand auf allen Straßen umherlaufen. Sogar auch das reißfeste Gewand Christi, welches die Henker nicht zertrennen wollten, wagen sie zu zerteilen.

6 Wir aber haben sie nun, auch wenn wir wegen der Heimlichtuerei erst spät davon erfahren haben, entsprechend ihrer Lebensführung und ihrem unsittlichem Ansinnen einstimmig aus der Kirche, die die Gottheit Christi anbetet, ausgeschlossen.

7 Sie aber heizten die Stimmung gegen uns an, versuchten, sich an die gleichgesinnten Mitdiener zu wenden, wobei sie zwar nach außen hin eine Bitte um Frieden und Gemeinschaft vortäuschten, in Wahrheit aber danach trachteten, einige von ihnen durch Schönfärberei in ihre eigene Krankheit zu verstricken, und sie baten sie um geschwätzige Briefe, um sie den von ihnen Getäuschten vorzutragen und so die Unverbesserlichen, die zur Gottlosigkeit verleitet wurden, dahin zu ziehen, wohin sie sie mit ihrer Täuschung bringen wollten, als hätten sie Bischöfe als Unterstützer und Gleichgesinnte.

8 Natürlich geben sie vor ihnen nicht zu, was sie alles Böse bei uns gelehrt und getan haben, weshalb sie ja auch ausgeschlossen wurden, sondern sie gehen darüber entweder mit Schweigen hinweg oder vertuschen und verdunkeln es mit wirrem Gerede und Geschreibe.

9 Weil sie also ihre verderbliche Lehre hinter gewinnenden und schmeichlerischen Reden verstecken, vereinnahmen sie den, der Betrügereien aufliegt, und enthalten sich sogar nicht, unsere Frömmigkeit bei allen zu verleumden. Daher passiert es sogar, daß einige ihre Briefe unterschreiben und sie in die Kirche aufnehmen, wobei meiner Ansicht nach ein ganz schlechtes Licht auf die Mitdiener fällt, die derartiges wagen, nicht nur weil die apostolische Weisung dies nicht zuläßt, sondern weil sie auch die teuflische Stimmung gegen Christus bei jenen noch weiter anheizen.

10 Deswegen will ich nun auch nicht mehr warten, Geliebte, und beginne daher, euch den Unglauben dieser Leute vorzustellen, die sagen, daß es einmal war, als der Sohn Gottes nicht war, und daß der, der zuvor nicht war, später wurde, und daß er, als er wurde, wann auch immer das war, aber ein solcher wurde, wie auch jeder Mensch ist.

11 »Alles nämlich«, sagen sie, »hat Gott aus nichts gemacht«, wobei sie der Erschaffung aller vernünftigen und unvernünftigen Wesen auch den Sohn Gottes einverleiben. Folglich sagen sie auch, er habe eine wandelbare Natur, zu Tugendhaftem und auch Schlechtem in der Lage, und zusammen mit der These »aus nichts« übergehen sie die göttlichen Texte über sein immerwährendes Sein, die das Unwandelbare des Wortes und die Gottheit der Weisheit des Wortes zeigen, was Christus ist. »Auch wir nämlich«, sagen die Halunken, »können Gottes Söhne werden wie auch jener.« Denn es steht dort: »Söhne habe ich gezeugt und erhöht.«

12 Werden sie aber auf den darauffolgenden Satz hingewiesen, der besagt: »Sie haben mich aber verworfen«, was doch unnatürlich ist für den Erlöser, der eine unwandelbare Natur besitzt, so lassen sie alle Scheu fallen und sagen, Gott habe aufgrund seines Vorherwissens und seiner Vorausschau von ihm gewußt, daß er ihn nicht verwerfen werde, und ihn deshalb vor allen auserwählt.

13 Denn nicht von Natur aus oder weil er irgendeinen Vorzug vor den anderen Söhnen habe (denn weder von Natur aus, so sagen sie, sei jemand Gottes Sohn, noch weil jemand irgendein besonderes Verhältnis zu ihm habe), habe Gott ihn erwählt, sondern weil er, obwohl auch er eine wandelbare Natur besäße, sich dennoch nicht dem Schlechten zugewandt habe, da er mit sittlichen Anstrengungen für seinen Lebenswandel Sorge trüge.

14 So würde sich nämlich die Sohnschaft von Paulus und Petrus, wenn auch sie dasselbe erreicht hätten, nicht von seiner Sohnschaft unterscheiden. Zur Unterstützung für diese wahnsinnige Lehre beleidigen sie die Schriften und verweisen auf die Aussage über Christus in den Psalmen, die so lautet: »Du hast die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehaßt. Deswegen hat dich Gott, dein Gott, mit dem Öl der Freude vor deinen Mitstreitern gesalbt.«

15 Der Evangelist Johannes erklärt ausreichend, daß der Sohn Gottes weder aus nichts wurde noch einmal nicht war, denn er schreibt folgendermaßen über ihn: »der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist.« Weil nämlich der göttliche Lehrer im Sinn hatte, auf zwei voneinander ungetrennte Dinge, den Vater und den Sohn, hinzuweisen, nannte er ihn im Schoß des Vaters seiend.

16 Weil aber das Wort Gottes nicht zu den aus nichts Gewordenen hinzuzurechnen ist, sagt derselbe Johannes, daß alles durch ihn geworden ist. Seine ganz besondere Hypostase erläuterte er mit den Worten: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alles wurde durch es, und ohne es wurde nicht eines.«

17 Wenn nämlich alles durch es wurde, wie sollte der, der den Gewordenen das Sein verleiht, selbst einmal nicht gewesen sein? Es wird nämlich nicht festgelegt, wie das schaffende Wort dieselbe Natur hat wie die gewordenen Dinge, wenn doch er selbst am Anfang war, alles aber durch ihn wurde [und er alles aus nichts machte].

18 Denn das Seiende scheint doch das Gegenteil von dem aus Nicht-Seienden zu sein und ist davon sehr weit entfernt. Die eine Stelle belegt nämlich, daß zwischen Vater und Sohn kein Abstand ist, wobei freilich kein Mensch diese Vorstellung zu einer begrifflichen Definition bringen kann. Daß die Welt aus nichts geschaffen wurde, beinhaltet andererseits, daß nur sie eine jüngere Seinsweise und spätere Entstehung hat, da alles sein besonderes Wesen vom Vater durch den Sohn empfangen hat.

19 Da also der so fromme Johannes das Sein des göttlichen Wortes als erhaben und die Vorstellungskraft von uns Gewordenen übersteigend ansah, vermied er es, sein Werden und Entstehen zu beschreiben, er wagte es nicht einmal, das Schaffen mit gleichwertigen Worten zu benennen wie das Gewordene, nicht weil er (der Sohn) ungezeugt sei - denn der eine Ungezeugte ist der Vater -, sondern weil die nicht zu beschreibende Hypostase des eingeborenen Gottes jenseits der geschärften Wahrnehmung der Evangelisten, wahrscheinlich sogar auch der Engel liegt. Ich meine nicht, daß man die, die es wagen, bis zu diesen Fragen vorzudringen, für fromm halten sollte, da sie das Wort »Was zu schwer ist für dich, untersuche nicht, und was zu hoch für dich ist, erforsche nicht« überhören.

20 Denn wenn die Erkenntnis vieler anderer Dinge, und zwar unvergleichlich geringerer als jenes, dem menschlichen Verstehen verborgen ist - wie bei Paulus: »Was kein Auge gesehen und keiner gehört hat und in kein menschliches Herz gekommen ist, was Gott denen, die ihn lieben, bereitet hat«, aber auch von den Sternen sagt Gott zu Abraham, daß er (Abraham) sie nicht zählen könne, und ferner sagt er: »Die Sandkörner des Meeres und die Tropfen des Regens, wer wird sie zählen?« -, wie sollte sich dann jemand überflüssigerweise mit der Hypostase des göttlichen Wortes beschäftigen, es sei denn, er ist mit Schwermut belastet?

21 Über diese Hypostase sagt der prophetische Geist: »Ihre Entstehung, wer wird sie ergründen?« Auch unser Erlöser selbst erwies diesbezüglich den Säulen von allem in der Welt eine Wohltat und sorgte dafür, die Erkenntnis hierüber von ihnen fernzuhalten, indem er nämlich sagte, daß ein Verstehen für sie alle unnatürlich sei, allein dem Vater gebühre ein Wissen über dieses rein göttliche Geheimnis; »denn niemand weiß, wer der Sohn ist«, sagt er, »außer der Vater. Und niemand kennt den Vater außer der Sohn.« Davon handelt auch, meine ich, der Satz des Vaters: »Mein Geheimnis gehört mir.«

22 Daß es aber unangebracht ist, vom Sohn zu denken, er sei aus nichts entstanden, wird aus dem »aus nichts« selbst erwiesen, da es eine zeitliche Vorstellung impliziert, auch wenn die Unverständigen das Verrückte ihrer Meinung nicht erkennen. Denn dieses »er war nicht« muß doch einem zeitlichen Rahmen angehören oder irgendeinem Zwischenraum innerhalb der Äonen.

23 Wenn es also wahr ist, daß alles durch ihn wurde, dann ist deutlich, daß auch jeder Zeitraum, Zeitspanne und Zeitabschnitt und das »einmal«, in denen man das »er war nicht« ansetzen könnte, durch ihn geworden ist; und ist es etwa nicht völlig unglaubwürdig zu sagen, daß der, der die Zeiten und Äonen und Zeitpunkte, in die das »er war nicht« einzufügen ist, gemacht hat, einmal nicht gewesen ist? Es ist nämlich undenkbar und völlig unverständlich zu sagen, daß der, der Ursache für eine Sache ist, selbst erst nach der Entstehung jener Sache geworden sei.

24 Für sie geht nämlich der Weisheit Gottes, die das All erschaffen hat, jener Zeitabschnitt voraus, in welchem, wie sie sagen, der Sohn noch nicht durch den Vater geworden war, wodurch bei ihnen die Schrift lügt, wenn sie ihn als Erstgeborenen vor aller Schöpfung bezeichnet.

25 Außerdem stimmt diesem auch der redegewandte Paulus zu, der über ihn sagt: »den er zum Erben von allem eingesetzt hat, durch den er auch die Äonen gemacht hat«, aber auch: »in ihm ist alles geschaffen worden, das in den Himmeln und das auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Mächte, Gewalten, Herrschaften oder Throne; alles ist durch ihn und zu ihm hin geschaffen worden; und er selbst ist vor allem.«

26 Da also nun offensichtlich ist, daß die Ansicht, er wurde aus nichts, absolut gottlos ist, so muß der Vater immer Vater sein; er ist aber immer Vater, da der Sohn da ist, weswegen er Vater genannt wird. Da aber der Sohn immer bei ihm ist, ist er immer vollkommener Vater, ohne Fehl in seiner Güte, da er den eingeborenen Sohn nicht zeitlich, auch nicht in einem Zeitabschnitt noch auch aus nichts gezeugt hat.

27 Und jetzt? Ist es etwa nicht gottlos zu sagen, daß die Weisheit Gottes einmal nicht war, die sagt: »Ich war bei ihm und hielt Ordnung, ich war es, an der er sich erfreute«, oder daß die Kraft Gottes einmal nicht dagewesen ist, oder daß sein Wort einmal verstümmelt gewesen sei, oder die anderen Bezeichnungen, aus denen der Sohn erkannt und der Vater beschrieben wird? Denn zu sagen, daß der Abglanz der Herrlichkeit nicht ist, löscht auch die ursprüngliche Lichtquelle, dessen Abglanz er ist. Ferner, wenn auch das Bild Gottes nicht immer da war, ist deutlich, daß dann auch der nicht immer da ist, dessen Bild er ist.

28 Außerdem, wenn der Abdruck der Hypostase Gottes nicht da ist, wird zugleich damit auch jener beseitigt, der in ihm vollkommen zum Abdruck kommt. Daraus ist es möglich zu erkennen, daß die Sohnschaft unseres Erlösers keine Gemeinsamkeit mit der Sohnschaft der übrigen hat.

29 Auf dieselbe Art, wie erwiesenermaßen seine unaussprechliche Hypostase alle Dinge, denen er das Sein verliehen hat, unvergleichlich übertrifft, so unterscheidet sich auch seine Sohnschaft, die auf natürliche Art der väterlichen Gottheit entspringt, in unaussprechlichem Übermaß von denen, die durch ihn per Adoption zu Söhnen gemacht worden sind. Er hat nämlich eine unwandelbare Natur, die vollkommen und in jeder Hinsicht bedürfnislos ist; sie aber benötigen dessen Hilfe, da sie unstetem Wandel unterliegen.

30 Denn wie könnte wohl die Weisheit Gottes Fortschritte machen, oder wie könnte die Wahrheit selbst noch zunehmen? Oder wie könnte sich wohl das Wort Gottes oder das Leben oder das wahre Licht verbessern? Wenn dies aber so ist, dann ist es doch wohl erst recht unnatürlich, wenn die Weisheit zur Torheit fähig wäre oder die Kraft Gottes zur Schwachheit neigen würde oder die Vernunft durch Unvernünftiges geschwächt wäre oder wenn sich Finsternis mit dem wahren Licht vermischt hätte, da doch der Apostel selbst sagt: »Was hat das Licht mit der Finsternis gemein, oder was ist die Gemeinsamkeit zwischen Christus und Beliar?«, und Salomo, daß es unmöglich sei, auch nur in Gedanken die Wege der Schlange auf einem Felsen herauszufinden, der aber, nach Paulus, Christus ist! Die Menschen und die Engel aber, seine Geschöpfe, haben Gaben empfangen, durch das Üben von Tugend und durch die Beobachtung des Gesetzes fortzuschreiten und nicht mehr zu sündigen.

31 Daher wird doch unser Herr, der von Natur aus Sohn des Vaters ist, von allen angebetet. Die aber, die den Geist der Knechtschaft abgelegt und nach Anstrengungen und Fortschritten den Geist der Sohnschaft empfangen haben, werden die Hilfe dessen, der von Natur aus Sohn ist, empfangen und durch Adoption auch selbst Söhne werden.

32 Seine echte, einzigartige, natürliche und auserwählte Sohnschaft hat Paulus folgendermaßen dargestellt, als er über Gott redete: »der aber seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns offensichtlich nicht natürliche Söhne hingegeben hat.«

33 Denn im Gegensatz zu den nicht eigenen Söhnen sagte er, daß er der eigene Sohn sei. Und im Evangelium steht: »Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« Ferner sagt der Erlöser in den Psalmen: »Der Herr sprach zu mir: Du bist mein Sohn!« Indem er die Echtheit der Sohnschaft vor Augen stellt, weist er darauf hin, daß er nicht noch andere echte Söhne neben diesem hat.

34 Und was ist mit der Stelle »Aus dem Schoß habe ich dich vor dem Morgenstern gezeugt«? Zeigt sie nicht geradewegs die natürliche Sohnschaft aus väterlicher Entbindung, welche der Sohn nicht durch Übung und eifriges Verbessern erreicht hat, sondern durch seine natürliche Besonderheit? Daher hat der eingeborene Sohn des Vaters auch eine unveränderliche Sohnschaft. Das Wort weiß aber, daß die Sohnschaft der Vernunftwesen diesen nicht der Natur nach zukommt, sondern aufgrund von Anstrengungen und der Gnadengabe Gottes veränderlich ist; »denn als die Söhne Gottes die Töchter der Menschen sahen, nahmen sie sich davon Frauen« und so fort; und »Söhne habe ich gezeugt und erhöht, sie aber haben mich verworfen«, so werden wir von Jesaja belehrt, daß Gott gesprochen habe.

35 Ich könnte, Geliebte, noch viele Aspekte ergänzen, lasse sie aber weg, da ich meine, daß es unangebracht ist, gleichgesinnten Lehrern so viel Bekanntes vor Augen zu halten. Denn ihr seid selbst von Gott Belehrte und überseht gewiß nicht, daß die kürzlich innerhalb der kirchlichen Frömmigkeit aufgekommene Lehre von Ebion und Artemas stammt und eine Kopie von Paulus von Samosata aus Antiochien ist, der durch eine Synode und das Urteil von Bischöfen, die von überall her zusammengekommen waren, aus der Kirche ausgeschlossen wurde.

36 Und Lucian, der diesem nachfolgte, blieb während der vielen Jahre dreier Bischöfe von Versammlungen ausgeschlossen. Die aber, die jetzt unter uns »aus nichts« verbreiten, haben an dem Most der Häresie jener geschlürft und sind verborgene Sprößlinge von jenen, und zwar Arius, Achillas und die Gruppe, die mit ihnen zusammen übel handelt.

37 Und ich weiß nicht, wie in Syria drei geweihte Bischöfe diese durch ihre Zustimmung zu noch schlimmeren Taten anstacheln; über diese soll das Urteil eurer Einschätzung unterliegen. Sie haben die Schriftstellen über das erlösende Leiden, die Erniedrigung und Entäußerung, über seine sogenannte Armut und über die Dinge, die der Erlöser für uns erst angenommen hat, im Kopf und legen sie vor, um gegen seine höchste und von Anfang an bestehende Gottheit Einwände zu erheben, aber die Stellen über seine Herrlichkeit von Natur aus und seine edle Geburt und sein Verweilen beim Vater haben sie vergessen, wie zum Beispiel die Stelle »ich und der Vater sind eins.«

38 Das aber sagt der Herr, nicht weil er sich selbst als Vater ausgeben will, auch nicht weil er die der Hypostase nach zwei Naturen für eine erklären will, sondern weil der Sohn des Vaters die Gleichheit mit dem Vater genau auf natürliche Art bewahrt, indem er von Natur aus in jeder Hinsicht eine Gleichheit mit ihm ausdrückt, ein unveränderliches Bild des Vaters ist und ein vom Urbild geprägtes Abbild.

39 Daher klärte der Herr bereitwillig den Philippus auf, als dieser ihn zu sehen verlangte, und antwortete ihm, als dieser sagte »Zeige mir den Vater!«: »Wer mich sieht, sieht den Vater«, so daß also der Vater wie durch einen unbefleckten und lebendigen Spiegel in seinem göttlichen Abbild zu sehen ist.

40 Vergleichbares sagen die Heiligen in den Psalmen: »In deinem Licht werden wir das Licht schauen.« Deswegen ehrt der, der den Sohn ehrt, auch den Vater, und zwar zu Recht. Denn jedes lästerliche Wort, das gegen den Sohn zu äußern gewagt wird, bezieht sich auch auf den Vater.

41 Und was wundert das jetzt noch, was ich noch berichten muß, Geliebte, wenn ich die verlogenen Vorwürfe gegen mich und gegen unser so gottesfürchtiges Volk darlegen werde! Denn die, die gegen die Gottheit des Gottessohnes zu Felde ziehen, lassen keine Gelegenheit aus, grobe Mißtöne gegen uns anzustimmen. Sie aber halten es für unter ihrer Würde, sich selbst mit irgendjemandem von den Alten zu vergleichen, ertragen es auch nicht, den Lehrern, mit denen wir von klein auf Umgang hatten, gleichgestellt zu werden, sondern sie halten keinen unter den Mitbischöfen irgendwo auch nur für mäßig weise, man findet sie sagen, daß sie allein weise seien und sich in der Lehre auskennen und daß ihnen allein offenbart worden sei, was keinem anderen sonst unter der Sonne je in den Sinn gekommen ist.

42 Oh, welch gottlose Blindheit und maßlose Raserei, verbunden mit bodenloser, trübsinniger Ruhmsucht und satanischer Gesinnung, die in ihren unseligen Seelen umhergeistert!

43 Es beschämt sie nicht die gottliebende Klarheit der alten Schriften, auch der übereinstimmende Glaube der Mitdiener an Christus hat ihre Frechheit gegen ihn nicht verringert. Sogar die Dämonen, die sich zurückhalten, ein lästerliches Wort gegen den Sohn Gottes zu sagen, können deren Freveltaten nicht ertragen.

44 Dies also sei von uns nach möglichen Kräften gegen die, die mit unerzogenem Gebell gegen Christus anstürmen und unseren frommen Glauben an ihn öffentlich verleumden, bereitgestellt. Diese Erfinder sinnlosen Geredes sagen nämlich, daß wir, wenn wir uns von der gottlosen und schriftfernen Lästerung gegen Christus »aus nichts« distanzieren, zwei Ungezeugte lehren, denn die Unbelehrten sagen, daß nur eins von zweien zutreffen könne und er (der Sohn) entweder aus nichts zu denken oder ansonsten von zwei Ungezeugten auszugehen sei. Die Ungeübten sind darüber im Unklaren, wie groß der Unterschied zwischen dem ungezeugten Vater und den von ihm aus nichts geschaffenen Dingen ist, sowohl der vernünftigen als auch der unvernünftigen.

45 Und zwischen ihnen vermittelt die eingeborene Natur, durch welche der Vater des Gott-Wortes das All aus nichts gemacht hat, und wird aus dem seienden Vater selbst gezeugt, wie es der Herr selbst einmal bezeugte, als er sagte: »Der, der den Vater liebt, liebt auch den Sohn, der aus ihm gezeugt wurde.«

46 Unter diesen Voraussetzungen glauben wir so, wie es die apostolische Kirche für richtig hält: an einen allein ungezeugten Vater, der keine andere Ursache für sein Sein hat, unwandelbar und unveränderlich, der selbst immer ein und derselbe bleibt, der weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung annimmt, den Urheber des Gesetzes, der Propheten und der Evangelien, Herr der Patriarchen, der Apostel und aller Heiligen; und an einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, gezeugt nicht aus nichts, sondern aus dem seienden Vater, nicht wie die körperlichen Dinge durch Schnitte oder durch Emanation aufgrund von Trennungen, wie es Sabellius oder Valentinus meinen, sondern auf unbeschreibliche und unfaßbare Art und Weise, gemäß dem, der, wie wir schon oben angeführt haben, sagt: »Sein Werden, wer wird es verstehen?«, weil seine Hypostase für jede gewordene Natur unergründlich ist, wie auch der Vater selbst unergründlich ist, da die Natur der Vernunftwesen das Wissen um die väterliche Abstammung nicht ergreifen kann.

47 Was aber die Männer, die vom Geist der Wahrheit getrieben werden, nicht von mir lernen müssen, da uns darüber bereits überdeutlich das Wort Christi belehrt, ist: »Keiner weiß, wer der Vater ist, außer der Sohn; und keiner weiß, wer der Sohn ist, außer der Vater.« Und wir haben gelernt, daß der Sohn wie der Vater unwandelbar und unveränderlich ist, sich selbst genug und vollkommen, gleich wie der Vater, abgesehen vom Ungezeugtsein. Er ist nämlich das genaueste und absolut unveränderliche Abbild des Vaters.

48 Es ist nämlich deutlich, daß das Abbild mit allem ausgefüllt ist, worin die größere Ähnlichkeit besteht, wie es der Herr selbst lehrte: »Mein Vater«, sagte er, »ist größer als ich.« Und entsprechend glauben wir, daß der Sohn immer aus dem Vater ist, »denn er ist der Abglanz der Herrlichkeit und Abdruck der väterlichen Hypostase.« Aber niemand möge bitte das »immer« auf die Vorstellung des »Ungezeugtseins« beziehen, wie es die glauben, deren Wahrnehmungsfähigkeit der Seele abgestumpft ist. Denn keiner dieser Ausdrücke, weder das »er war«, noch das »immer«, auch nicht das »vor den Äonen« bedeutet dasselbe wie »ungezeugt«.

49 Aber welche Namen auch immer die menschliche Vorstellungskraft sich müht zu schaffen, das Ungezeugte erklärt sie nicht (ich glaube, daß auch ihr so denkt, und setze mein Vertrauen auf eure korrekte Entscheidung in allen Dingen), da ja diese Namen in keiner Hinsicht den Begriff des Ungezeugtseins erläutern.

50 Denn diese Namen scheinen gewissermaßen in die zeitliche Spähre hineinzureichen, denn sie sind nicht wirklich in der Lage, die Gottheit des Eingeborenen und sozusagen sein »altes Alter« angemessen zu beschreiben, auch wenn die heiligen Männer sie zwangsweise jeder nach seinem Vermögen gebrauchten, um auf das Geheimnis hinzuweisen, während sie gleichzeitig mit einer vernünftigen Entschuldigung um Verständnis bei den Zuhörern baten, nämlich mit den Worten: »soweit wir herankommen«.

51 Wenn aber diese Männer einen irgendwie besseren Wortlaut als von menschlichen Lippen erwarten und bekanntgeben, daß das von ihnen stückweise Erkannte zu vernichten ist, dann ist deutlich, daß das »er war«, »immer« und »vor den Äonen« ihre Erwartungen weit enttäuscht; aber wie dem auch sei, die Worte sind nicht dasselbe wie »ungezeugt«.

52 Also muß dem ungezeugten Vater die eigene Würde bewahrt werden, indem man ihm keinen anderen Urheber des Seins zuweist. Dem Sohn aber muß die passende Ehre zugewiesen werden, indem man auf seine anfangslose Zeugung aus dem Vater hinweist, und, wie oben gesagt, ihm die Ehre erweist und nur gottesfürchtig und wohlmeinend das »er war« und »immer« und »vor den Äonen« auf ihn bezieht und dabei wahrlich seine Gottheit nicht leugnet, sondern bei dem Abbild und Abdruck auf die genaueste Ähnlichkeit mit dem Vater in jeder Hinsicht hinweist, in der Überzeugung, daß das Ungezeugte die Besonderheit ist, die allein dem Vater zukommt, weil ja auch der Erlöser selbst sagte: »Der Vater ist größer als ich.«

53 Zusätzlich aber zu dieser gottesfürchtigen Ansicht über den Vater und den Sohn, wie ihn uns die heiligen Schriften lehren, bekennen wir einen heiligen Geist, der sowohl die heiligen Menschen des alten als auch die göttlichen Lehrer des sogenannten neuen Bundes bewegt hat; und die eine und alleinige, katholische und apostolische Kirche, immer unangreifbar, auch wenn die ganze Welt sie bekämpfen wollte, die den Sieg davonträgt gegen jeden gottlosen Aufstand der Irrgläubigen, da ihr Hausherr uns Zuversicht einflößte mit dem Ausruf: »Seid zuversichtlich, ich habe die Welt besiegt.«

54 Danach aber, wissen wir, kommt die Auferstehung der Toten, deren Erstling unser Herr Jesus Christus ist, der wahrlich und nicht nur dem Anschein nach einen Leib aus der Gottesgebärerin Maria getragen hat »am Ende der Zeiten zur Vergebung der Sünden«, der sich beim Geschlecht der Menschen aufhielt, gekreuzigt wurde und gestorben ist, der aber dadurch nicht in seiner Göttlichkeit vermindert wurde, der von den Toten auferstanden ist, in den Himmel aufgenommen wurde und »zur Rechten des Höchsten sitzt.«

55 Ich habe dies im Brief nur zum Teil ausgeführt, da ich, wie gesagt, der Ansicht bin, daß es nicht angemessen ist, die Details genauer auszuführen, da diese Dinge eurem heiligen Eifer nicht verborgen sind. Dies lehren wir, dies predigen wir, dies sind die apostolischen Lehren der Kirche, für die wir auch sterben, und wir machen uns weniger Gedanken um die, die uns zwingen, diesen Lehren abzuschwören. Auch wenn sie uns mit Folter dazu zwingen, wenden wir uns nicht von der in diesen Lehren liegenden Hoffnung ab.

56 Da sie im Widerspruch zu diesen Lehren standen, wurden die um Arius und Achillas und die, die mit ihnen Feinde der Wahrheit wurden, aus der Kirche ausgeschlossen, da sie von unserer gottesfürchtigen Lehre entfremdet wurden, wie es der selige Paulus beschreibt: »Wenn jemand euch ein anderes Evangelium verkündet als das, welches ihr empfangen habt, der sei verdammt«, auch wenn er vorgibt, ein »Engel vom Himmel« zu sein, aber auch: »Wenn jemand anders lehrt und sich nicht den heilsamen Worten unseres Herrn Jesus Christus und der gottesfürchtigen Lehre anschließt, so ist er verblendet, auch wenn der nichts versteht«, und so weiter.

57 Diese also, die von der Bruderschaft aus der Kirche ausgeschlossen worden sind, nehme bitte niemand von euch auf, und auch das von ihnen Gesagte oder Geschriebene ertragt bitte nicht, denn die Zauberkünstler lügen in allen Dingen und sie sagen gewiß nicht die Wahrheit.

58 Denn sie ziehen durch die Städte zu keinem anderen Zweck, als unter Vortäuschung der Freundschaft und im Namen des Friedens durch Heuchelei und Schmeichelei Briefe auszuteilen und anzunehmen, um dadurch einige von ihnen getäuschte »Frauen voller Sünden« (und so weiter) in die Irre zu führen.

59 Diese also, die so dreist gegen Christus aufzutreten wagen, die das Christentum einerseits öffentlich in den Schmutz ziehen, andererseits es mit Vergnügen vor Gericht anzeigen, die, soweit sie können, in Friedenszeiten eine Verfolgungsjagd gegen uns entfachen, die das unsagbare Geheimnis der Erzeugung Christi entkräften, diese weist von euch, geliebte und gleichgesinnte Brüder, schließt euch uns an gegen deren wahnsinnige Dreistigkeit, gleichwie unsere Mitbischöfe, die sehr erbost waren, mir gegen sie geschrieben und den Rundbrief mitunterschrieben haben, den ich auch euch geschickt habe durch meinen Sohn, den Diakon Api - und zwar sind diese aus ganz Aegyptus und der Thebaïs, aus Libya, der Pentapolis, Syria, Lycia, Pamphylia, Asia, Cappadocia und den anderen Nachbarregionen; ich hoffe, wie von diesen, so auch von euch zu hören.

60 Denn ich kann viele Mittel für die Geschädigten bereitstellen, aber dies hat sich als wirksamstes Mittel für das von ihnen getäuschte Volk erwiesen, weil man dem gemeinsamen Votum unserer Mitbischöfe gewöhnlich folgt und deswegen mit Eifer umkehren wird. Seid gegrüßt miteinander, zusammen mit den Brüdern unter euch. Ich bete, daß es euch im Herrn wohlergehe; es helfe mir eure christusliebende Seele!

Die aus der Kirche ausgeschlossenen Häretiker sind folgende: von den Presbytern Arius, Achillas, Aeithales, Sarmates, <Carpones>, ein weiterer Arius; von den Diakonen aber <Gaius>, Euzoius, Lucius, Julius, Menas, Helladius.

Zuletzt geändert: 2015-04-07 Di 18:07 von annette.von.stockhausen@fau.de

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